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Bollywood and beyond – Die Vielfalt des indischen Films

Alles begann mit einem pinken Teppich auf dem Bollywood-Schönheit und Jurymitglied Manisha Koirala, die beiden Kuratorinnen Therese Hayes und Uma da Cunha, Gäste aus Politik und Wirtschaft, sowie der indischer Botschafter Sudhir Vyas das siebte indische Filmfestival „Bollywood and beyond“ begrüßten.

Doch die eigentlichen „Stars“ waren die über 50 Filme in den Kategorien Spielfilm, Kurzfilm und Dokumentation, die vom 21. bis zum 25. Juli im SI-Centrum in Stuttgart gezeigt und durch die 11 köpfige Jury beurteilt wurden. Neben typische Bollywood Blockbuster traten Arthouse Produktionen, die einen kritischeren und differenzierteren Blick auf Leben und Probleme der Menschen in Indien lieferten.

„Im Mittelpunkt stehen Filme, die jenseits der großen Hindifilmindustrie in den verschiedenen Landesteilen und Sprachen Indiens entstehen“, so Festivalleiter Oliver Mahn. Die Filme oszillierten zwischen Kitsch und Glamour und den Abgründen des Seins in Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, Tradition und Moderne.

Den Anfang machte der Eröffnungsfilm „Today´s Special“ von Regisseur David Kaplan und Produzent Nimitt Mankad, der von den Zuschauern mit dem Audience Award belohnt wurde. „Wie ein wundersames Zauberpulver wirkt die magische Gewürzmischung Masala aus dem diesjährigen Eröffnungsfilm“, schwärmen die Festivalmacher. Und tatsächlich ist der Film wie ein Masala und vereint viele „Zutaten“ in sich: er ist Komödie, Tragödie, Liebesfilm und Sozialstudie in einem.

Alles dreht sich um den Protagonisten Samir, ein Koch, der in New York Karriere machen will, doch schnell lernen muss, dass dies als Inder fast unmöglich zu sein scheint. So kündigt er nach einem Streit mit seinem Chef, und will stattdessen nach Frankreich gehen um dort einen Gourmettempel zu eröffnen. Als sein Vater jedoch einen Herzinfarkt erleidet, findet sich Samir an einem Ort wieder, wo er es sich nicht hätte träumen lassen: im heruntergekommenen Restaurant des Vaters, dem „Tandori Palace“ in Queens. Er soll nun den Laden schmeißen und das obwohl er nicht weiß, wie man indisch kocht. Diese Ebene des Films veranschaulicht sehr eindrucksvoll den Konflikt indem sich viele Non-resident Indians befinden: sie leben in der westlichen Welt und versuchen sich zu assimilieren, doch ihre indischen Wurzeln gehen dabei nach und nach verloren. So ist Samir gefangen zwischen seinen persönlichen Zielen in der westlichen Welt und den Ansprüchen seiner Familie und den indischen Traditionen.

Zunächst hat der Protagonist wenige Ambitionen das Restaurant zu retten, doch dann packt ihn der Ergeiz. Zusammen mit dem verrückten Taxifahrer Akbar und seinem speziellen Masala schafft er es das Restaurant zu einem Szenetreff zu machen.

Am Ende ist Samir der Chef von einem spitzen Restaurant, hat eine Freundin und seinen Platz im Leben gefunden. – Ein wundervoller und intelligenter Film, der geschickt mit Klischees spielt und zeigt, dass das Leben nicht vorhersehbar und planbar ist und das gerade dies das Leben lebenswert macht.

Neben den unterhaltsamen Spielfilmen hatten die Veranstalter des seit 2004 stattfindenden Festivals ein großes Rahmenprogramm mit Bollywood Tanzworkshops und Dance Contest unter der Schirmherrschaft der Sängerin Loona, eine Monsun-Party, Konzert, Vernissage, dem Indo-German Business Forum und Tea Talks – Vorträge rund um Indien auf die Beine gestellt. Den Abschluss des filmisch interessanten Parts bildete die festliche Preisverleihung, bei der leider kaum Preisträger zu gegen waren und auch ein wenig indisches Flair vermissen lies. Dies konnte leider auch nicht durch das Indian Village aufgefangen werden. Dort boten 15 Händler aus Indien glitzernden Schmuck, schillernde Stoffe, Tücher, indische Kleidung und Essen, wie Curry und Lassis an.

Mehr indische Einblicke boten dagegen die Kurzfilme in denen alte Traditionen hinterfragt werden und die Suche nach der indischen Identität und kulturellen Selbstbehauptung beginnt:

„Vitthal“ (Regie: Vinoo Choliparambil) ist eine intelligente und teilweise schonungslose Inszenierung wie ein Junge mit seiner hinduistischen Tradition umgeht. – Sein Großvater ist verstorben und wie es die Bestattungs- und Trauerritualen seiner Familie verlangen, muss sich Vitthal als Erstgeborener den Kopf rasieren lassen. Für den Jungen bricht damit seine Welt zusammen. Er ist wütend auf seinen toten Großvater und seine Eltern, die an dieser Tradition hängen. In der Schule wird er von den anderen Kindern ausgegrenzt und gedemütigt. Er reagiert auf seine ganz eigene Art auf diese Situation: in seinem Kinderzimmer dreht er, zum Zeichen seiner Ablehnung seiner Religion, die ihm die Haare genommen hat,  die Figur einer Gottheit um. Auf dem Dachboden findet er ein Foto von sich das ihn mit Haaren zeigt- er schneidet den Kopf aus und klebt ihn auf seinen Spiegel. Mit Asche versucht er sein Haupt zu färben, doch auch dieser Versuch scheitert.

Der Film schafft es die Innensicht des Jungen einzunehmen und seine Gefühle zu transportieren die in dem Spannungsfeld von Tradition und Moderne oszillieren.

Als Vitthal bei der Beerdigungszeremonie die Urne seines Großvaters annehmen soll, ist er so wütend auf ihn, dass er die Urne einfach wegwirft. Eine schwere Demütigung für seine Familie, die sofort mit Prügel bestraft wird. Er betet nun wieder zu seiner Gottheit, dass er seine Haare zurückbekomme und dass endlich jemand seinen Schmerz versteht. Doch leider kommen seine Haare nicht zurück. Als er wieder einmal von seinen Eltern missachtet wird und sein kleiner Bruder auf seiner Glatze Murmeln spielt, wird es Vitthal zu viel. Wie im Wahn zerrt er seinen Bruder in einen Schuppen, bindet ihn fest und beginnt seine Haare abzuschneiden. Plötzlich fließt Blut.

„Vitthal“ ist eine mutige Introspektion, die in einer teils drastischen Bildsprache auf die kindlichen Bedürfnisse verweist.

„Kavi“ (Regie: Gregg Helvey) kann nicht wie andere Kinder nach der Schule Cricket spielen, denn er muss sich von morgens bis abends in einer Ziegelbrennerei wie ein Sklave abmühen. Seine Eltern haben hohe Schulden bei dem Betreiber der Brennerei und müssen diese zusammen mit ihrem Sohn abarbeiten. Aus dieser Hölle aus Misshandlungen, unmenschlicher Arbeit, dem Verzicht auf Bildung und, viel wichtiger, auf Kindheit, scheint es kein Entkommen zu geben. Der „Boss“ treibt ihn immer wieder an noch schneller zu arbeiten, damit Kavi irgendwann einmal Cricket spielen darf. Doch der Junge beginnt sich zu wehren.

Nachdem er daraufhin schwer misshandelt wird, liegt er zusammengekauert bei seinen Eltern in der Hütte. Diese können ihm nur als einzigen Trost eine kleine Topfpflanze zeigen und wie sie zu wachsen vermag. In dieser emotionalen Stelle manifestiert sich die Hilflosigkeit der Eltern, die es in einer solchen Umgebung nicht vermögen ihr Kind zu schützen.

Eines Tages wird eine Hilfsorganisation auf die Ziegelbrennerei aufmerksam. Der Betreiber lässt daraufhin alle Arbeiter wegbringen – außer Kavi, der gefesselt in seinem Büro sitzt. Er kann auf sich aufmerksam machen und wird schließlich von den Aktivisten aus diesem Gefängnis befreit – doch ohne seine Eltern.

„Kavi“ wurde dieses Jahr als ‚Bester Kurzfilm’ für einen Oscar nominiert und das auch zu Recht. Ein Film über einen starken, cleveren, kleinen Kämpfer, der sich aus der modernen Sklaverei befreit und Gänsehaut bereitet, da die Handlung leider nicht nur Fiktion ist.

„The Road Home“ (Regie: Rahul Gondotra)  „I am not Indian“, sagt der Protagonist dieses Kurzfilms Pico wütend zu einem Taxifahrer, der in nach Dehli zum Flughafen bringen soll. Pico ist aus seinem Internat im Himalaya geflüchtet und will nun den Weg nach Hause antreten. Die indische Kultur und die Sprache sind ihm fremd, denn er ist in England aufgewachsen und fühlt sich britisch. Auf dem kurzen Ausflug in die Freiheit lernt er Land, Leute und Traditionen, wie etwa das scharfe indische Essen kennen. Doch seine Reise ist kurz. Obwohl er genügend Geld für die Fahrt hat und der Taxifahrer mit seinem Gewissen ringen muss, wird er wieder zu seinem Internat zurückgebracht. Zur Verabschiedung sagt Pico zum Taxifahrer: „I can´t feel indian inside“, dennoch bleibt er nun im Internat und versucht seinen Weg zu finden.

Eine kluge Inszenierung der Identitätsproblematik von Non-resident Indians, in imposanten Bildern erzählt. Dieser Film zeigt die andere Seite der Medaille – das Aufwachsen in Wohlstand kann eben auch keine Identität verleihen. Halb indisch, halb britisch zu sein, kann der Protagonist sich nicht vorstellen, dennoch könnte das Internat mit seinen vielen Nationen eine Antwort auf die Suche nach einer Identität geben.

Alle drei Filme zeigen auf ganz unterschiedliche Arten wie sich drei Jungen in einer Welt behaupten, die gerade auf dem Weg von der Tradition in die Moderne ist. Sie haben alle unterschiedliche Ausgangspositionen und werden mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert: ob Religion, Existenz oder Identität, sie finden eine Lösung.

Interessant sind die Kurzfilme vor allem, weil sie auch endlich einmal die Welt aus einer kindlichen Perspektive beschreiben und ein Umdenken fordern. – Intelligent, einfühlsam und aufrüttelnd erzählt.

Neben Spiel- und Kurzfilmen bot das Festival eine Menge interessanter Dokumentationen, wie „At my doorsteps“ von Nishitha Jain, die dem westlichen Publikum Einsichten in das Leben in Indien gaben. Dabei wurden vor allem die weniger glamourösen Seiten des Subkontinentes gezeigt.

Im Großstadtmoloch Mumbai, in den Schluchten von Hochhäusern, wo die Menschen mit Geld wohnen arbeiten viele andere, die von einer richtigen Wohnung noch nicht einmal zu träumen wagen. Sie sind die Verlierer des Systems und müssen Tag für Tag um ihre Existenz kämpfen. 50 Dollar verdienen sie im Schnitt pro Monat. Nishitha Jain begleitete diese Menschen im Alltag.

Ein Junge, vielleicht gerade 14 Jahre alt, zieht von Wohnung zu Wohnung, um Zigaretten zu verkaufen und offen stehende Rechnungen zu begleichen. Wenn die Kunden nicht zahlen, hat er ein Problem. Ein anderer Mann sammelt seit 10 Jahren Müll in den Hochhaussiedlungen um sein Leben in einem Slum außerhalb der Stadt sichern zu können. Doch nicht nur seine Arbeit ist unwürdig, auch die Umstände unter denen er leben muss. Wenn es zu viel regnet wird seine Hütte regelmäßig überschwemmt und er kann jederzeit sein weniges Hab und Gut verlieren. Aber wenn die Hütten in den eng bebauten Slums durch die Fluten zusammenstürzen, sterben auch immer wieder Menschen.

Eine Reinigung, die hauptsächlich Bügelarbeiten übernimmt, ist nicht nur Arbeitsplatz für Billigarbeiter, unter ihnen auch Jugendliche, sondern auch Wohnstätte. Nachdem jeder Arbeiter bis zu 275 Kleidungsstücke am Tag gebügelt hat, wird der Bügeltisch am Abend zum Bett. Viele Arbeiter schlafen auf oder unter den Tischen und drängen sich in dem kleinen Raum.

Ein Wachmann lebt auch von einem Hungerlohn und bewacht Tag für Tag die Häuser der Reichen. Er kam einst nach Mumbai um dort genug Geld zu verdienen um sich und seiner Familie ein Leben in der Metropole zu ermöglichen. Doch aus dem Traum wurde nichts und seine Familie blieb zurück auf dem Dorf. Einzig Briefe verbinden ihn noch mit seiner Frau. Und dennoch, trotz aller Trostlosigkeit und Demütigungen, resigniert er nicht und hat sich einen Traum bewahrt: er schreibt ein Buch.

Der indischer Film wird wohl immer ein Hauch von Glamour, Kitsch und Pathos anhaften, aber er ist noch viel mehr als bunte Saris und schmachtende Schönlinge: er ist so vielfältig wie das Land selbst. Geprägt durch viele verschiedene Sprachen, Religionen und Menschen liefert er dem Zuschauer ein buntes Potpourri an Themen, Genres und Herangehensweisen.

„Bollywood and beyond“ hat hier eine gute Auswahl getroffen, bei dem vor allem die Arthouse Produktionen durch ihre Ästhetik, ihre Tiefgründigkeit und die Art wie Stoffe transportiert wurden beeindruckten.

Quo vadis indischer Film? Diese Entwicklung ist spannend und wird auch den westlichen Markt nicht unberührt lassen.